Gesundheitspolitischer Austausch - Große Themen, Kurze Wege
Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, der drohende Fachzahnarztvorbehalt für kieferorthopädische Leistungen, Praxisbegehungen und die Versorgung vulnerabler Gruppen: Viele der Themen, die die Zahnärzteschaft derzeit bewegen, werden auf Bundesebene entschieden. Welche Auswirkungen sie in Baden-Württemberg haben, diskutierten der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, Dr. Michael Preusch, und Dr. Torsten Tomppert, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) und Präsident der Landeszahnärztekammer (LZK) Baden-Württemberg, bei einem Austausch im Haus der Abgeordneten Ende Juni.
Berlin ist weit weg. Die Folgen gesundheitspolitischer Entscheidungen sind es nicht. Sie zeigen sich in den Praxen, bei Investitionen, in der Nachwuchsgewinnung und letztlich bei der Versorgung der Patientinnen und Patienten. Entsprechend breit gefächert war die Themenpalette, über die Dr. Michael Preusch und Dr. Torsten Tomppert sprachen. Dabei wurde schnell deutlich, dass beide Gesprächspartner eine Sorge teilen: Der Austausch zwischen Politik und Versorgungspraxis müsse enger werden.
Dialog
Ein Schwerpunkt des Gesprächs war das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Die Sparvorgaben des Bundes beschäftigen die Zahnärzteschaft seit Jahren. Der Vorstandsvorsitzende der KZV und Präsident der LZK verwies darauf, dass gerade die Zahnmedizin seit Jahrzehnten konsequent auf Prävention setze und damit langfristig erhebliche Folgekosten vermeide. Vor diesem Hintergrund werde die pauschale Einbeziehung der Zahnärzteschaft in Sparmaßnahmen vielfach als ungerecht empfunden.
Um diese Wahrnehmung zu verdeutlichen, griff er zu einem anschaulichen Vergleich aus dem Familienalltag: „Wenn in einer Familie drei Kinder sind, zwei schlechte Noten schreiben und eines Klassenbester ist, am Ende aber trotzdem alle ihr Handy abgeben müssen, dann fragt sich der Klassenbeste zu Recht: Warum eigentlich auch ich?“
Genau so empfindet die Zahnärzteschaft die Sparvorgaben des Bundes. Die Präventionsarbeit der vergangenen Jahrzehnte habe nachweislich zu einer besseren Mund- und Gesamtgesundheit beigetragen. Dennoch werde die Zahnmedizin bei Sparmaßnahmen oftmals genauso behandelt wie Versorgungsbereiche, in denen die Kostenentwicklung deutlich problematischer verlaufe.
Der CDU-Gesundheitspolitiker zeigte Verständnis für diese Sichtweise. Die Frage der Verhältnismäßigkeit spiele auch in der Gesundheitspolitik eine wichtige Rolle. Gerade präventionsorientierte Versorgungsbereiche dürften bei notwendigen Reformen nicht aus dem Blick geraten. Gleichzeitig machte er deutlich, dass politische Entscheidungen stets im Gesamtkontext der gesetzlichen Krankenversicherung betrachtet würden, ein Spannungsfeld, das sich auch künftig nicht vollständig auflösen lassen werde.

Michael Preusch und Dr. Torsten Tomppert im Dialog
Kieferorthopädie
Besonders intensiv wurde die Situation in der Kieferorthopädie diskutiert. Der geplante Fachzahnarztvorbehalt für kieferorthopädische Leistungen schwebt nach wie vor wie ein Damoklesschwert über dem Berufsstand. Viele Praxen verfolgen die Entwicklungen mit großer Sorge. Die Befürchtung: Bewährte Versorgungsstrukturen könnten beschädigt werden, ohne dass sich daraus ein erkennbarer Mehrwert für die Patientinnen und Patienten ergibt.
Wie aktuell das Thema ist, zeigte sich unmittelbar während des Gesprächs. Als die Diskussion auf den Fachzahnarztvorbehalt kam, griff Preusch kurzerhand zu seinem Mobiltelefon und schrieb eine Nachricht an die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, um sich über den aktuellen Stand auszutauschen. Ein bemerkenswerter Moment, der verdeutlichte, wie kurz die Wege manchmal sein können, wenn politische Verantwortungsträger den direkten Dialog suchen.
„Die Entscheidung zu diesem Thema istnoch nicht vom Tisch“, machte der gesundheitspolitische Sprecher deutlich. Gleichzeitig zeigte er Verständnis für die Sorgen der Betroffenen und signalisierte die Bereitschaft, nach praktikablen Lösungen zu suchen. Diskutiert wurden mögliche Übergangsregelungen, Bestandsschutzmodelle und die Frage, wie Qualitätsstandards gesichert werden können, ohne funktionierende Versorgungsstrukturen zu gefährden.
Kontrolle
Ein weiteres Feld, das beide Gesprächspartner beschäftigte, waren staatliche Kontrollen und Praxisbegehungen. Grundsätzlich bestand Einigkeit darüber, dass Hygiene und Patientensicherheit nicht verhandelbar sind. Die Frage sei vielmehr, wie Kontrollen ausgestaltet werden. So warb der Kammerpräsident für mehr Augenmaß und einen stärkeren Beratungscharakter. Viele Praxen empfänden die bisherigen Verfahren weniger als Unterstützung denn als bürokratische Belastung und mitunter auch Gängelung.
Dr. Preusch zeigte sich offen für neue Ansätze. Diskutiert wurden verpflichtende Schulungsmodelle mit zertifizierten Fortbildungen sowie risikoorientierte Stichprobenkontrollen. „Wenn wir Dinge selbst gestalten können, sollten wir diese Spielräume nutzen“, so sein Tenor. Gerade auf Landesebene gebe es Möglichkeiten, Verfahren praxisnäher und effizienter auszugestalten.

„Wir sind bei vielen Punkten gar nicht so weit auseinander“, fasste es Dr. Preusch zusammen.
Versorgung
Ein weiterer Schwerpunkt war die Versorgung von Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf. Pflegebedürftige Menschen, Menschen mit Behinderungen oder Kinder mit komplexem Behandlungsbedarf stellen die Versorgung vor besondere Herausforderungen. Der KZV-Vorstandsvorsitzende und Kammerpräsident verwies auf bestehende Kooperationsmodelle mit Pflegeeinrichtungen und machte gleichzeitig deutlich, dass insbesondere die Versorgung im häuslichen Umfeld weiterentwickelt werden müsse.
Auch die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Praxen und Kliniken wurde thematisiert. Gerade bei Kindern mit umfangreichem Behandlungsbedarf stoße das bestehende System zunehmend an Grenzen. Hier brauche es neue Versorgungsmodelle, die medizinische Notwendigkeiten und wirtschaftliche Realitäten gleichermaßen berücksichtigen.
Ausblick
Nach fast einer Stunde endete das Gespräch mit dem Eindruck, dass viele Probleme zwar nicht kurzfristig lösbar sind, der politische Wille zum Dialog jedoch vorhanden ist. „Wir sind bei vielen Punkten gar nicht so weit auseinander“, fasste es Dr. Preusch zusammen.
Für die Zahnärzteschaft in Baden-Württemberg dürfte genau das die wichtigste Botschaft des Tages gewesen sein. Denn gute Versorgung entsteht nicht allein durch Gesetze und Verordnungen. Sie entsteht dort, wo Politik und Praxis miteinander sprechen, und wo Verantwortliche bereit sind zuzuhören, nachzufragen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
